Geschichte und Meilensteine ADHS

1775 – Melchior Adam Weikard
Weikard beschrieb in seinem Buch Der philosophische Arzt einen „Mangel der Aufmerksamkeit“. Seine Darstellung wird in der historischen Forschung als frühe Beschreibung von Beschwerden eingeordnet, die heutigen ADHS-Merkmalen ähneln.
Quelle: Barkley, R. A.; Peters, H. (2012): The Earliest Reference to ADHD in the Medical Literature? Melchior Adam Weikard’s Description in 1775 of “Attention Deficit”. Nachweis bei PubMed. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)

1890 – William James
James behandelte in The Principles of Psychology Aufmerksamkeit und Willenssteuerung. Im Kapitel „Will“ beschrieb er unter anderem einen „explosiven“ Willen mit unzureichender Hemmung von Impulsen.
Quelle: James, W. (1890): The Principles of Psychology, Band II, Kapitel XXVI. Originaltext bei der York University. (Classics in the History of Psychology)

1902 – George Frederic Still
Still beschrieb in seinen Londoner Vorlesungen Kinder mit Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle, darunter Kinder ohne allgemeine Intelligenzbeeinträchtigung. Seine Fallbeschreibungen gelten als wichtiger Beitrag zur Vorgeschichte der heutigen ADHS-Diagnose.
Quelle: Still, G. F. (1902): The Goulstonian Lectures on Some Abnormal Psychical Conditions in Children. The Lancet. Originalveröffentlichung. (ScienceDirect)

1937 – Charles Bradley
Bradley berichtete über die Behandlung von 30 verhaltensauffälligen Kindern mit Benzedrin, einem Amphetaminpräparat. Bei einem Teil verbesserten sich Verhalten und schulische Leistungen. Die Kinder waren nicht nach den heutigen ADHS-Kriterien diagnostiziert worden.
Quelle: Bradley, C. (1937): The Behavior of Children Receiving Benzedrine. American Journal of Psychiatry, 94(3), 577–585. Originalstudie. (American Journal of Psychiatry)

ICD-9 – Hyperkinetisches Syndrom des Kindesalters
Die ICD-9 führte das „Hyperkinetische Syndrom des Kindesalters“ unter der Schlüsselnummer 314. Die Formulierung „1978 erstmals als eigenständiges Krankheitsbild“ ist zu weitgehend: Frühere diagnostische Klassifikationen enthielten bereits verwandte Kategorien. 
Quellen: CDC/NCHS, Klassifikation mit Code 314; zur früheren DSM-II-Kategorie siehe die historische Fachübersicht von Lange und Mitarbeitern. (cdc.gov)

1980 – DSM-III
Im DSM-III wurde die Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit und ohne Hyperaktivität beschrieben. Die Kategorie „Residual Type“ erfasste fortbestehende Symptome bei Menschen, die zuvor die vollständigen Kriterien erfüllt hatten.
Quelle: American Psychiatric Association (1980): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 3. Auflage. Zur Einordnung: Untersuchung der historischen DSM-Ausgaben. (PMC)

1992 – ICD-10
Die WHO erklärte in den 1992 veröffentlichten diagnostischen Leitlinien ausdrücklich, dass eine hyperkinetische Störung auch im Erwachsenenalter diagnostiziert werden kann. 
Quelle: WHO (1992): The ICD-10 Classification of Mental and Behavioural Disorders: Clinical Descriptions and Diagnostic Guidelines, Abschnitt F90, gedruckte Seite 264. WHO-Originaltext als PDF. (cdn.who.int)

1995 – Paul H. Wender
Paul H. Wender veröffentlichte das Fachbuch Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in Adults, das sich mit ADHS im Erwachsenenalter befasst.
Quelle: Wender, P. H. (1995): Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in Adults. Oxford University Press. Bibliografischer Nachweis. (Google Books)

2003 – Deutsche Leitlinien für Erwachsene
In Deutschland erschienen Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter auf Grundlage eines Expertenkonsenses mit Unterstützung der DGPPN.
Quelle: Ebert, D.; Krause, J.; Roth-Sackenheim, C. (2003): ADHS im Erwachsenenalter – Leitlinien auf der Basis eines Expertenkonsensus mit Unterstützung der DGPPN. Der Nervenarzt, 74(10), 939–946. Nachweis bei PubMed. (PubMed)

2011 – Zulassung von Methylphenidat für Erwachsene
Am 14. April 2011 genehmigte das BfArM erstmals eine Erweiterung der ADHS-Zulassung bestimmter methylphenidathaltiger Arzneimittel auf Erwachsene.
Quelle: BfArM (2011): „Methylphenidat auch für Erwachsene: BfArM erweitert Zulassung“; ergänzend G-BA, Mitteilung vom Juni 2011. (bfarm.de)