Über unsere Gruppe

Viele von uns kennen Herausforderungen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme mit Organisation, Reizüberflutung, Zeitmanagement oder impulsives Verhalten. Gleichzeitig sprechen wir über Stärken, hilfreiche Strategien und Wege, den Alltag leichter und selbstbestimmter zu gestalten.

Austausch auf Augenhöhe

In unserer Gruppe können die Teilnehmenden offen erzählen, zuhören, Fragen stellen und voneinander lernen. Jede Person entscheidet selbst, wie viel sie von sich teilen möchte. Ein respektvoller, wertschätzender und vertraulicher Umgang ist für uns selbstverständlich.

Wichtiger Hinweis

Wir sind keine therapeutische oder medizinische Einrichtung. Unsere Treffen ersetzen keine ärztliche Diagnose, Psychotherapie oder fachliche Beratung. Im Mittelpunkt stehen persönlicher Austausch, gegenseitiges Verständnis und Unterstützung auf Augenhöhe.

Teilnahme

Die Teilnahme ist freiwillig. Neue Interessierte sind nach vorheriger Kontaktaufnahme herzlich willkommen..

Erfahrungen mit ADHS

Thomas, 45 Jahre

Ich war 41 Jahre alt, als ich die Diagnose ADHS bekam. Bis dahin hatte ich mein ganzes Leben lang das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Andere schienen ihren Alltag einfach hinzubekommen. Sie waren pünktlich, erledigten ihre Aufgaben, vergaßen keine Termine und hatten scheinbar alles im Griff. Bei mir war es anders. Ich fing vieles an, verlor schnell den Überblick, schob wichtige Dinge auf und suchte ständig Schlüssel, Unterlagen oder andere Sachen. Immer wieder nahm ich mir vor, mich einfach mehr anzustrengen. Trotzdem funktionierte es nicht so, wie ich wollte.

Das machte mich mit der Zeit immer unsicherer. Ich fragte mich oft: Warum schaffen die anderen das und ich nicht?

Als ich schließlich die Diagnose ADHS bekam, war das zunächst eine große Erleichterung. Plötzlich gab es eine Erklärung für vieles, was mich schon seit meiner Kindheit begleitet hatte. Gleichzeitig wusste ich aber nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Über eine Beratungsstelle fand ich eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS. Beim ersten Treffen war ich ziemlich nervös. Doch dann hörte ich die Geschichten der anderen und erkannte mich in vielem wieder. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Ich bin damit nicht allein.

In der Gruppe bekam ich viele praktische Tipps. Ich lernte, Termine sofort aufzuschreiben, große Aufgaben in kleine Schritte zu teilen und mir feste Routinen aufzubauen. Noch wichtiger war für mich aber der Austausch mit Menschen, die genau verstanden, wovon ich sprach.

Anna, 35 Jahre

Meine Kinder hatten schon einige Zeit die Diagnose ADHS. Ich beschäftigte mich deshalb viel mit dem Thema, las darüber und lernte immer besser zu verstehen, warum ihnen manche Dinge schwerer fielen als anderen.

Je mehr ich darüber erfuhr, desto häufiger dachte ich: Das kenne ich doch von mir selbst.

Schon mein ganzes Leben lang fiel es mir schwer, Ordnung zu halten, Dinge zu Ende zu bringen oder mich auf Aufgaben zu konzentrieren, die mich nicht interessierten. Ich vergaß Termine, schob vieles vor mir her und hatte oft das Gefühl, dass andere ihren Alltag viel leichter bewältigen als ich. Lange dachte ich, ich müsste mich einfach mehr zusammenreißen.

Durch meine Kinder begann ich schließlich, auch über mich selbst nachzudenken. Nach einer fachlichen Abklärung bekam ich tatsächlich die Diagnose ADHS – erst im Erwachsenenalter.

Für mich war das zunächst ungewohnt, aber auch erleichternd. Viele Situationen aus meinem Leben ergaben plötzlich mehr Sinn.

Besonders geholfen hat mir später eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS. Dort traf ich Menschen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Ich musste nicht lange erklären, warum selbst kleine Alltagsaufgaben manchmal so anstrengend sein können.

Der Austausch hat mir geholfen, besser mit meinem ADHS umzugehen und mich selbst weniger ständig mit anderen zu vergleichen. Vor allem habe ich gelernt: Es geht nicht darum, alles genauso zu schaffen wie andere, sondern herauszufinden, welche Strategien für mich funktionieren.

Bernd, 29 Jahre

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an einen Satz: „Du könntest es doch, wenn du nur wolltest.“

Ich hatte schon als Kind ADHS. Die Diagnose war da, aber geholfen hat sie mir damals kaum. Meine Eltern waren mit der Situation überfordert. Sie verstanden es nicht, warum ich so schnell wütend wurde, ständig etwas vergaß oder bei den Hausaufgaben nach wenigen Minuten abschweifte. Oft endeten diese Situationen in Streit. Ich hatte das Gefühl, immer derjenige zu sein, der etwas falsch machte.

In der Schule war es ähnlich. Ich konnte mich schlecht lange konzentrieren, redete dazwischen, vergaß Materialien und brachte Aufgaben nicht zu Ende. Statt Unterstützung bekam ich häufig Ärger. Manche hielten mich für faul oder undiszipliniert. Dabei wollte ich dazugehören und gute Leistungen bringen. Ich wusste nur nicht, wie.

Mit den Jahren wurde aus dem Gefühl, anders zu sein, immer mehr der Gedanke, nicht gut genug zu sein.

Erst als Erwachsener begann ich, mich wieder intensiver mit meinem ADHS auseinanderzusetzen. Schließlich fand ich eine Selbsthilfegruppe. Dort traf ich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Zum ersten Mal musste ich mich nicht rechtfertigen oder erklären.

Besonders wichtig war für mich zu verstehen, dass ADHS nicht einfach mit „mehr Disziplin“ verschwindet. Ich lernte Strategien für meinen Alltag kennen, aber ich begann auch, meine eigene Geschichte anders zu betrachten.

Elfriede, 66 Jahre

Ich war 64 Jahre alt, als ich die Diagnose ADHS bekam.

Bis dahin lag ein langes Leben hinter mir, in dem ich mich oft gefragt hatte, warum mir manches so viel schwerer fiel als anderen. Immer wieder hatte ich mit Depressionen zu kämpfen. Es gab Zeiten, in denen ich kaum Kraft hatte und mich sehr allein mit meinen Gedanken fühlte. Oft hatte ich den Eindruck, dass niemand wirklich verstand, was in mir vorging – manchmal verstand ich es selbst nicht.

Ich strengte mich an, versuchte zu funktionieren, mich anzupassen und das zu schaffen, was für andere scheinbar selbstverständlich war. Trotzdem geriet ich immer wieder in Situationen, in denen ich an mir zweifelte.

Als bei mir schließlich ADHS festgestellt wurde, war das für mich ein einschneidender Moment. Auf einmal konnte ich viele Erlebnisse meines Lebens aus einer anderen Perspektive betrachten. Manche Schwierigkeiten, manche Konflikte und auch manche Entscheidungen erschienen plötzlich in einem neuen Licht.

Natürlich macht mich das manchmal traurig. Ich frage mich dann, wie bestimmte Situationen vielleicht verlaufen wären, wenn ich schon früher gewusst hätte, dass ich ADHS habe. Vielleicht hätte ich mich selbst besser verstanden. Vielleicht hätte ich früher die passende Unterstützung bekommen. Darauf gibt es keine Antwort.

Heute versuche ich deshalb, nicht zu lange bei diesen Gedanken zu bleiben. Ich kann die vergangenen Jahre nicht verändern. Aber ich kann entscheiden, wie ich mit den kommenden umgehe.

Ich lerne mich noch immer neu kennen. Ich weiß heute besser, warum ich in manchen Situationen so reagiere und was mir guttut. Und auch wenn mich die Vergangenheit manchmal traurig macht, schaue ich nach vorne.

Denn mit 64 war mein Leben nicht vorbei. Für mich begann vielmehr ein neuer Abschnitt – diesmal mit einem besseren Verständnis für mich selbst.